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Ich habe die Diskussion um die Storytelling-Hoheit aufmerksam verfolgt und irgendwie kam sie mir merkwürdig vertraut vor.^^

Die Frage nach der Storytelling-Hoheit zieht sich durch die Geschichte des KR wie ein roter Faden. Und selbst die „gelehrtesten Philosophen des Rates“ haben bis heute keine umfassende Antwort gefunden ;-) Erinnert mich irgendwie an das Brett des Karneades. Darüber streiten sich die Gelehrten auch schon seit der Antike…

Ich denke, in der Diskussion muss man zwei Seiten derselben Medaille (zumindest gedanklich) trennen:

  1. Institutionalisiertes Storytelling
    Hier geht es um die Frage, ob es Storytellingämter gibt und wenn ja, wie man mit diesen ig umgeht?

  2. Faktisches Storytelling
    Hier geht es um die Frage, ob durch kontinuierliches Schreiben von Reden auf einem bestimmten Politikfeld und kluges Taktieren einzelne Kronräte die Möglichkeiten haben, bestimmte Politikfelder oder Provinzen zu dominieren (unabhängig von Ämtern).

Im folgenden versuche ich beide Aspekte (soweit möglich) getrennt zu behandeln.

1. Institutionalisiertes Storytelling

Zu dieser Frage wurde bereits viel Gesagt und eigentlich fast jede denkbare Position bezogen. Eine Position wurde bisher aber nur am Rande angesprochen (von Jakob): Nämlich die im Verfassungsentwurf.

Für das Storytelling ist Art. 11 der Verfassung entscheidend. Was sagt uns dieser Artikel nun zum Thema Stroytelling?

Erstens: Das Reich besteht aus verschiedenen Provinzen (föderalistisches Element).

Zweitens: Lehnsherr über alle Provinzen ist der Reichskanzler. Es gibt also nur einen „Provinzfürst“ für alle Provinzen (zentralistisches Element).

Drittens: Der Reichskanzler kann „getreue Vasallen“ – also z.B. Statthalter, Gesandte – ernennen (föderalistisches Element).

Welcher Gedanke steht hinter dieser Lösung?

Die Kontrolle über das Spielerreich soll grundsätzlich bei den Spielern selbst liegen. Die SL übernimmt bereits die Position des Königs, um bei Fehlentwicklungen innerhalb des Reiches korrigierend einzugreifen. Die SL bespielt auch das Ausland, um eine Flucht einzelner Kronräte „in ihr eigenes Reich“ zu verhindern. Würde man der SL jetzt auch noch NPC Provinzfürsten aufbürden, wäre dies kaum praktikabel. Die SL müsste dann ständig sämtliche Entwicklungen im Inland und Ausland überwachen und selbst als Storygeber auftreten und anschließenden die Storys auch noch selbst moderieren. Das ist durch eine oder zwei Personen in der SL nicht zu leisten.

Und ich denke, man sollte die SL so schlank wie möglich halten. Je mehr erfahrene Spieler der Kronrat an die SL „verliert“, desto schwieriger wird der Start des KR 3. Ich finde es schon tragisch genug, dass Jakob nicht mehr als Spieler dabei sein wird (wobei natürlich das Amt des Königs nicht gerade ein Rückschritt ist ;-)

Die Provinzen und die Storys in den Provinzen sollen also von den Spielern selbst gestaltet und ausgefochten werden. Die SL würde (über den König) nur in Extremfällen einschreiten (z.B. bei Separatistenbewegungen und Abspaltungsversuchen etc.).

Um aber ein Auseinanderdriften von Reichspolitik und Provinzpolitik zu verhindern, sollte die Provinzverwaltung auf Reichsebene verankert werden. Dies ist eine direkte Lehre aus den Fehlentwicklungen des KR 2. Also wurde der Reichskanzler mit der Verwaltung aller Provinzen betraut (quasi als zentraler Provinzfürst).

Diese Lösung hat meines Erachtens (neben der engeren Verzahnung von Reichs- und Provinzpolitik) noch andere Vorteile:

Zum einen wird der Reichskanzler niemals so machtvoll werden wie früher die Provinzfürsten. Der Reichskanzler muss sich um alle Provinzen gleichermaßen kümmern. Er muss die Reichsregierung führen. Er muss Absprachen mit dem König treffen und so weiter und sofort… Der Reichskanzler kann also nicht gleichzeitig überall sein und dementsprechend auch nicht alles wissen. Das macht es von vornherein einfacher Storys in den Provinzen zu lancieren. Der Reichskanzler kann der Story zwar entgegentreten und versuchen den Verlauf der Story zu beeinflussen aber er kann sie nicht einfach mit den Worten „Stimmt nicht!“ abbügeln.

Provinzfürsten, die im Zweifel ihre Provinz nur selten verlassen, könnten sich dagegen immer auf den Standpunkt stellen „Ich habe gerade aus dem Fenster gesehen und was soll ich sagen… die Geschichte stimmt nicht!“. Der Reichskanzler kann das mangels Anwesenheit vor Ort nicht. Das Amt des Reichskanzlers ist also in Bezug auf das Storytelling schwächer als das Amt eines Provinzfürsten.

Der Reichskanzler garantiert ferner auch die gleichmäßige Berichterstattung aus allen Provinzen. Es wird immer Provinzen geben die machtpolitisch interessanter sind als andere. Ein Reichskanzler der sich (wenn auch nur knapp) um alle Provinzen kümmern muss, verhindert damit eine Verwaisung einzelner Landstriche und gibt immer wieder Ansatzpunkte für neue Geschichten (in denen sich dann z.B. auch noch unerfahrene Kronräte profilieren können).

Der Reichskanzler kann aber auch eingreifen, wenn eine Story zwischen zwei Kronräten oder Fraktionen aus dem Ruder läuft. Der Reichskanzler kann – wenn es heiß hergeht – seine Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Provinz (und damit auf eine bestimmte Story) richten und eingreifen (vorzugsweise schlichtend ;-)

Klar, niemand sagt uns jetzt, dass der Reichskanzler so edel sein wird und tatsächlich schlichtend oder vermittelnd eingreift – zum Wohle des großen Ganzen.

Wenn ich so an meinen alten Char denke…der hätte die Situation schamlos ausgenutzt, um „im Namen des Friedens“ den Streit zu schüren und ganz nebenbei die eigene Macht zu stärken.^^ Tja…was soll ich dazu sagen…Das ist Kronrat!

Gegenüber früher gibt es da jetzt aber einen kleinen und feinen Unterschied. Der Reichkanzler ist eben gerade nicht König in seinem kleinen Reich. Sollte sein Versuch, sich einseitig einzumischen, schief gehen und der Kronrat dieses Vorgehen mehrheitlich missbilligen, wird er seinem Titel „Reichskanzler“ wahrscheinlich bald ein „a.D.“ anfügen können…

Hier greift also wieder die engere Verzahnung von Reichs- und Provinzpolitik. In letzter Instanz hat jetzt immer der Kronrat und damit die Mehrheit der Kronräte die Kontrolle über jede einzelne Provinz und jede einzelne Story. Sollte aber die Mehrheit des Kronrates hinter dem Reichkanzler stehen, tja, dann hat der Herausforderer halt Pech – zumindest dieses Mal. Es gibt im KR nun einmal keine Politik gegen die Mehrheit. So ist das Spiel…

Natürlich kann es aber im Laufe des Spiels sinnvoll sein, einzelnen Provinzen „Statthalter“ zu zuweisen. Sei es, weil die Geschichten so vielfältig und umfangreich werden, dass ein Spieler allein (der sich nebenbei noch um viele andere Dinge zu kümmern hat) den Überblick verlieren würde oder sei dass innerhalb des Kronrates ein heftiger Konflikt um diese Provinz entbrannt ist und ein offizieller Repräsentant der Reichsregierung notwendig ist, damit die Story nicht aus dem Ruder läuft.

Für diesen Fall kann der Reichskanzler „Vasallen“ berufen, welche ihn zeitweise in einer Provinz vertreten. Die Betonung liegt auf zeitweise. Den Vorschlag, dass die Berufung von Vasallen den Ständen obliegen sollte, finde ich gut. Ich unterstütze diesen Vorschlag ausdrücklich.

Sollten diese „Vasallen“ sich selbst als Provinzfürsten aufspielen, besteht immer die Möglichkeit der Abberufung durch die Stände. Daneben kann jeder Kronrat natürlich auch ein Misstrauensvotum im Kronrat einbringen. Dann entscheidet wieder die Mehrheit der Kronräte. Und da diese „Vasallen“ ohnehin nur für bestimmte Einzelfälle berufen werden und das Amt automatisch erlischt, ist diese Gefahr ohnehin eher gering.

Vielleicht ein Bsp.: Wenn in einer Provinz ein heftiger Konflikt entbrannt ist, können die Stände im Kronrat einen „Gesandten“ berufen, welcher den Reichskanzler in diesem bestimmten Konflikt, in dieser bestimmten Provinz vertritt. Ist der Konflikt beigelegt (auf welche Art auch immer ;-) endet sein Amt automatisch.

Wie gesagt, dass ist die aktuelle Regelung in der Verfassung. Änderungen sind natürlich immer möglich.

2. Faktisches Storytelling

Erstens: Das lässt sich nicht vermeiden.

Zweitens: Das ist auch gut so.

Ich denke mit diesen beiden knappen Sätzen ist alles gesagt. Es wird immer Kronräte geben, welche durch ihr Wissen auf einem bestimmten Gebiet einen natürlichen Vorsprung vor anderen haben. Sie haben es dann natürlich leichter, die Reden anderer nach Ungereimtheiten mit dem Archiv abzusuchen und diese Ungereimtheiten anschließend genüsslich auszuwälzen.^^

Aber, ist das schlimm? Ich denke nicht. Mir ist kein Fall bekannt, wo ein erfahrener Kronrat eine Rede allen Ernstes mit einem knappen Verweis auf das Archiv als Lüge abgetan hat. So eine Rede wäre ja auch ein bisschen kurz. Ein Satz und das war’s.

Mein letzter Char hat selbst immer sehr gern mit den „unumstößlichen Wahrheiten“ des Archivs gearbeitet und ich habe mich nie plump auf den Standpunkt gestellt, dass die Rede eines anderen Kronrates schlichtweg falsch ist. Im Gegenteil, solche Anlässe konnte man immer und habe ich auch immer^^ für die schönsten Verschwörungstheorien genutzt ;-)

Ich erinnere mich heute noch mit einem lachenden Auge daran, wie ich Máura und Armand in den Bürgerkrieg im Khanat hineingezogen habe. Und das Ganze nur, weil man einzelne Ungereimtheiten mit dem Archiv aufgetan hat. Bei solchen Storys bleibt wirklich kein Auge trocken.^^ Und das sage ich, obwohl ich damals in dieser Story leider „nicht ganz“ gewonnen habe...

Was ich damit aber eigentlich sagen will ist, dass erfahrene Kronräte eine Rede kaum mit einem Satz abbügeln werden, getreu dem Motto „Stimmt nicht!“. In aller Regel wird man die Story aufgreifen und (zu seinen Gunsten ;-) fortentwickeln. Wer am Ende von so einer Story mehr profitieren wird...tja das ist dann immer eine Frage der politischen Macht – aber genau darum geht es ja im Kronrat.

Es wäre auch ziemlich langweilig, wenn wir alle nur am PC sitzen und jeden Tag einen Zweizeiler schreiben würden, getreu dem Motto „Stimmt nicht! Vergleiche Rede X.“… Da wäre ja jede Runde Halma spannender…

Und wenn wir ehrlich sind, die Situationen – in denen eine Rede entweder vollständig richtig oder vollständig falsch ist – sind ohnehin selten. Ich persönlich kann mich tatsächlich nur an eine Story erinnern, wo sich zwei Versionen gänzlich unversöhnlich gegenüberstanden – und das war die schon oben angesprochene Story „Bürgerkrieg im Khanat“.

Und ganz ehrlich? Das war die beste Story an der ich bisher mitschreiben durfte! Lord Corleone hatte sie damals angefangen. Ralf von Wand und ich sind aufgesprungen und haben – mehr oder weniger freiwillig – Máura und Armand „mit ins Boot“ geholt. Die einzelnen Versionen des Bürgerkriegs haben sich dann aber gegenseitig vollständig ausgeschlossen und jeder hat versucht dem anderen nachzuweisen, dass seine Version „Schrott“ sei. Das hat aber am Ende – ganz ohne vorherige Absprache – wirklich Spaß gemacht.

Und da war es auch nicht mit einem Zweizeiler getreu dem Motto „Stimmt nicht! Vergleiche Rede X.“ getan. Die Story hat sich auf gut ein Dutzend Reden von ca. 5 bis 7 Spielern verteilt und hat Monate gedauert.

Jedenfalls für mich ist das der eigentliche Reiz an Kronrat. Die Spieler kämpfen um Macht. Und das funktioniert nun einmal nur über das Schreiben von Reden. Der Stärkere wird sich durchsetzen (= faktische Storytellinh-Hoheit). Und wenn es eine Wahrheit bei KR gibt, dann die, dass Mehrheiten sehr zerbrechlich und wandelbar sind.

Wenn man sich nicht mit „seiner Provinz“ ausklinken kann (und nach jetztiger Planung funktioniert das nicht mehr), muss man ständig darum fürchten, eine einmal gewonnene Storytelling-Hoheit wieder zu verlieren.

Für mich ist deshalb das Faktisches Storytelling und der Kampf um die faktische Storytelling-Hoheit das eigentliche Herz von KR.

Kommentare

Pfff, Khanat-Krieg. Bei der Nordland-Krise in KR1, da gings rund! Das war ein Schlagabtausch, der hat mir in der Zeit danach wirklich gefehlt. Aber ich gebe dem Lord im Kern der Sache recht: Konflikte mit Für- und Gegenrede, DIE machen das Spiel im Grunde aus. – Batu am 25. Feb 2010
@Lord Sidious: Danke für den Hinweis. Ich sehe nach dem Rechten. – Christian am 15. Feb 2010
Eine Vorschlag der meine Zustimmung durchaus findet. – Jakob am 15. Feb 2010
@ Lord: Dann gib gut Acht, das dein Schleier des Nebels nicht durch bösartige Kronräte gelüftet wird ... ; ) @ Markus: Ich glaube, der Vorschlag der SL sieht zusätzlich zu der "neuen" Aufgabe des Innenministers Provinzbeauftragte vor, die immer vom jeweiligen Innenminister bestellt werden können! – Corly am 14. Feb 2010
Diesen Beitrag unterstütze ich vollständig und gerne! (Mit Ausnahme des "Spaßfaktors" Archiv-Streitereien - unspaßige Erfahrungen damit.) (+++) hätte ich wohl früher geschrieben. ;o) – Benares am 14. Feb 2010
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am 15. Feb 2010 Christian 474

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